BOSE L1 MODEL II Einfach anders

 

Mut zur Innovation hat der amerikanische Hersteller Bose schon häufiger bewiesen. Und auch das L1-System ist alles andere als eine normale PA – es setzt optisch, technisch und akustisch neue Akzente. Im Test: die technisch überarbeitete Model-II-Variante.

Das L1-System ist als „Perso na lized Amplification System“ konzipiert und arbeitet monophon. Ideal ist es vor allem für One- und Two-Man-Bands, die gemeinsam ein System nutzen. In der Band wird jeder Musiker über ein eigenes L1-System spielen und dieses auch selbst kontrollieren, was ein gewisses Maß an Umdenken und Disziplin erfordert. Denn das bedeutet nichts anderes, als dass jeder Musiker für seinen eigenen Abstrahlpegel und damit für den Bandsound als Ganzes verantwortlich ist.

Aufbau Beim Auspacken sticht sofort die ungewöhnliche Optik ins Auge. Herausragende Systemkomponente ist die 9 x 10 cm schlanke, aber immerhin über 220 cm hohe L1-Säule (Cylindrical Radiator), die an die Stelle üblicher Satellitenboxen tritt. Der Standfuß (PowerStand) dient nicht nur als Säulenhalter, sondern nimmt auch die komplette Elektronik auf. Je nach Anwendung kommen ein bis vier passive B1- Bassboxen zum Einsatz. Zusätzlich kann man einen kleinen Digitalmixer (Tone Match T1) anschließen, den man wahlweise an der L1-Säule, am Mikrofonstativ oder anderswo in Reichweite des Musikers platziert. Trotz der sehr stabilen Verarbeitung ist das L1-System erstaunlich leicht und damit ausgesprochen transportfreundlich. Die beiden Säulenteile wiegen jeweils unter 8 kg, der Standfuß und die Bassbox jeweils 11 kg. Maße und Gewicht des kleinen T1- Mixers sind für den Transport vernachlässigbar. Verstaut werden die Einzelteile in mitgelieferten, gepolsterten Taschen, die sich bequem tragen lassen. Für die B1 gibt’s einen ungepolsterten Überzug; das T1 wird mit einem stabilen Kunststoffdeckel verschlossen. Der Aufbau des Systems lässt sich an der Länge dieses Absatzes messen – ist kinderleicht und dauert weniger als zwei Minuten. Unteres Säulenteil in den Power- Stand stecken, oberes Säulenteil auf das untere aufstecken, B1 an den PowerStand anschließen, Netzkabel verbinden – fertig. Falls vorhanden, stellt man noch das T1 in seine Halterung und verbindet es mit dem PowerStand.

Akustik Der Cylindrical Radiator L1 enthält 24 vertikal angeordnete Mittel-/ Hochton-Treiber, die in einem Winkel von etwa 45 Grad abwechselnd nach links und rechts ausgerichtet sind. Dadurch erhält man ein besonders homogenes Klangbild auch auf und neben der Bühne. Der Abstrahlwinkel beträgt laut Bose nahezu 180 Grad. Und in der Tat findet man im Bereich vor der Säule weder Sweet-Spots noch grelle oder dumpfe Klangpositionen, wie man sie von herkömmlichen Lautsprechern kennt. Um eine besonders homogene Bassverteilung im Raum zu erhalten, platziert man das B1 Bassmodul am besten mit dem Rücken zu einer Wand. Die neu entwickelten Mittel/Hochton- Treiber sorgen für einen besonders hohen Wirkungsgrad und damit auch für eine hohe Lautstärke, weshalb man auch die Ausgangsleistung der L1-Endstufe im Vergleich zum Vorgängermodell um 250 W auf 500 W reduzieren konnte. Ein wichtiger Grund dafür war das Ziel, die Kompatibilität im Wirkungsgrad zu den alten Systemen zu erhalten. Die Lautstärke nimmt mit der Entfernung von den Lautsprechern mit etwa 3 dB pro 15 m weit weniger stark ab, als bei herkömmlichen Boxen, so dass man die Gesamtlautstärke getrost etwas zurücknehmen kann. Die vorn sitzenden Zuschauer müssen keinen allzu hohen Pegel ertragen, und trotzdem kommt der Sound auch in entfernteren Bereichen noch kräftig und vergleichsweise unverfälscht an. Der Bass tönt wahlweise aus ein bis vier Subwoofern vom Typ B1. Ein bis zwei B1-Boxen lassen sich direkt an den Standfuß anschließen, für die Woofer 3 und 4 benötigt man eine kleine Zusatz endstufe (PackLite). Bei normaler Lautstärke konnten wir beim Anschluss einer zweiten Bassbox im Vergleich zum Betrieb mit nur einem Subwoofer kaum einen Unterschied im Klang (Keyboard, Gitarre, Gesang) feststellen. Für Standardanwendungen ist also ein Basswürfel ausreichend; hauptamtliche Bassisten und Drummer in Bands sollten dagegen über einen zweiten Subwoofer nachdenken. Der PowerStand verfügt über einen Audioeingang mit Gain-Regler. Hier kann der Mono-Ausgang eines Mischpults oder ein anderes Line-Pegel-Gerät (CD-Player, Effektgerät u.a.) angeschlossen werden.

ToneMatch Der kleine, blau beleuchtete Digitalmischer verfügt über drei rauscharme Mono-Eingänge und einen Stereo- Eingang. An die drei Monokanäle können über Kombi-Buchsen sowohl Instru mente als auch Mikrofone (bei Bedarf inklusive 48-Volt-Phantom spei sung) an ge schlossen werden. Das 5 m lange An schluss kabel gibt genügend Freiraum, um den T1 in Reichweite des Musikers positionieren zu können. Die Halterung für die L1-Säule ist zwar pfiffig konstruiert und in der Handhabung sehr praktisch, sie gibt dem Teil aber einen etwas wackeligen Halt. Jeder der vier Kanäle verfügt über Drehregler für die Eingangs emp findlichkeit (inklusive Clip-LEDs) und die Kanallautstärke sowie Taster für Stummschaltung (Mute), Effekt-Bypass und Editierzuordnung. Mit einem schnellen Handgriff passt man also die Lautstärke an, schaltet bei Ansagen den Hall stumm oder mutet in den Pausen die Kanäle. Ein besonderes Extra sind die Tone Match-Presets, die dem Musiker optimierte Anpassungen für eine ganze Reihe von Mikrofon-Typen und Instrumenten an die Hand geben. Eine Übersicht der eingebauten Settings finden Sie in einer Tabelle auf Seite 67. Die Presets entstanden übrigens in Zusammenarbeit mit den Instrumenten herstellern und dem Modeling-Spezialisten
Line6. Jeder T1-Kanal verfügt über einen 3- Band-EQ (zEQ), dessen Filterfrequenzen für das eingestellte ToneMatch-Preset optimiert sind. Weiterhin gibt’s einen zusätzlichen parametrischen EQ, einen Dyna mikeffekt (Kompressor, Limiter, Gate, Kick Gate), einen Modulationseffekt (Chorus, Flanger, Phaser, Tremolo) ein Delay (Digital, Analog, Tape) und einen Hall (Plate, Small, Medium, Large, Cavern). Alle Effekte sind gleichzeitig nutzbar und auf alle Kanäle anwendbar. Die Effektqualität lässt nichts zu wünschen übrig. Ein stellungen können in fünf User-Scenes gespeichert werden. Ein eingebautes Stimmgerät (Tuner) rundet die Ausstattung ab. Das T1 verfügt über eine USBSchnittstelle zum Anschluss an einen PC. Es können nicht nur Einstellungen (Scenes, Firmware-Updates), sondern auch Audiodaten übertragen werden. Dies ermöglicht Live-Aufnahmen, die auf digitaler Ebene vom T1 auf einen Laptop übertragen werden. Auch die umgekehrte Daten richtung wird unterstützt: Man kann Musik vom Notebook über USB wiedergeben – etwa als Pausenmusik.

Praxis Die L1-Lautsprecher baut man nicht wie herkömmliche PA-Lautsprecher vor, sondern seitlich hinter dem Musiker auf. Dadurch dient das System nicht nur zur Beschallung des Publikums, sondern auch als Monitor für den Musiker, der somit den selben Sound hört wie sein Publikum. Vor allem bei Club-Gigs ist der geringe Platzbedarf des Systems ein enormer Vorteil. Wo ein Powermixer mit PAund Monitor-Boxen schon lange den Platzrahmen sprengt, fügt sich das L1- System problemlos ein – ganz nach dem Motto: Platz findet sich noch auf der kleinsten Bühne.
Das L1-System ist enorm rauscharm und rückkoppelungsfest. Dennoch lassen sich mögliche Rückkoppelungen in einer Live-Situation, bedingt durch hohe Lautstärken, Reflexionen von den Wänden und etwa ungünstige Platzierung von Musikern und Equipment, nicht zu hundert Prozent ausschließen. In einer solchen Situation erwies es sich als praktikabel, Säule und Subwoofer neben dem Musiker und nicht wie beim L1-System üblich, hinter dem Musiker zu platzieren. Dank des breiten Abstrahlwinkels bekommt man dabei immer noch nahezu den vollen Sound mit. Wer Bose-Systeme kennt, erlebt beim Grundklang keine allzu große Überraschung. Das System ist auf HiFi-Sound im besten Sinne getrimmt. Der transparente und dennoch warme Klang kommt Ein- und Zweimannbands entgegen, gleichgültig, ob sie mit Keyboard, Gitarre oder DJ-Player unterwegs sind. Im Bandgefüge werden vor allem Gitarrist, Keyboarder und Sänger das Bose-System mögen. Das System wurde mit einer ganzen Reihe an Keyboards, Akustikgitarren, E-Gitarren und Mikrofonen getestet und konnte durchweg überzeugen. Insgesamt sind aufgrund der fehlenden Hochtontreiber etwas weniger perlende Höhen vorhanden, der Sound ist aber sehr ausgewogen, durchsetzungsfähig und angenehm zu hören. Das B1-Bassmodul klingt weich und rund, lässt bei knalligen Kickdrums oder E-Bässen aber manchmal ein Quäntchen Konturenschärfe und Druck vermissen. Ob dies an der Tatsache liegt, dass Bose die Frequenzen zwischen 100 und 200 Hz etwas zurückgenommen hat, um die „Wummer frequenzen“ ins Abseits zu schicken oder ob dies das Resultat der kleinen Basslautsprecher (6,5 Zoll) ist, konnte nicht geklärt werden. Wer knackigere, druckvollere Bässe bevorzugt, findet im B1-Bassmodul von Mister Music (MM-Bass) eine Alter native (siehe Kasten).
Fazit: Eine ausgezeichnete Figur macht das Bose-L1-System vor allem als Gemeinschafts-PA von Ein- oder Zwei mannbands. In diesen Besetzungen können Veranstaltungen bis etwa 200 Zuhörer problemlos beschallt werden. In größeren Sälen und bei größeren Besetzungen sollte jeder Musiker über ein eigenes L1-System spielen. Der Klang ist für Tanz-, Pop- und Unplugged-Musik bestens geeignet, die Optik ein Eyecatcher, die Transportierbarkeit einfach genial. Der Preis ist relativ hoch, entzieht sich in Anbetracht des Gebotenen aber letztlich der Kritik. Hans-Joachim Schäfer

Preisempfehlung: L1 II + B1 + PST 2499 e; T1 499 e; B1 299 e; PackLite 399 e Cylindrical Radiator L1 + Bassmodul B1 + PowerStand PST Frequenzen 40–16.000 Hz Bestückung L1: 24 Mittel-/Hochtontreiber (2,4 Zoll) in vertikaler Anordnung (Articulated Array Technology); B1: 2 Basslautsprecher (6,5 Zoll) Leistung Digitalendstufen mit 2 x 250 W (L1: 250 W; B1: 250 W) Schalldruck 115 dB Trennfrequenz 180 Hz mit 54 dB Dämpfung Impedanz L1: 4 Ohm; B1: 8 Ohm Anschlüsse Line-in (Klinke), Mass-Moduleout (Speakon), Bass-Line-out (Klinke), ToneMatch (RJ45) Maße L1: 222 x 9 x 10,5; B1: 38 x 26 x 45; PST: 12,8 x 26,2 x 69,2 Gewicht L1: 7,4 + 7,9 kg; B1: 11,4 kg; PST: 10,7 kg ToneMatch T1 Eingänge 3 x Mic/Line-in (Kombibuchsen, symm.), 1 x Stereo-in (2 x Klinke, symm.), USB Ausgänge 3 x Channel-out (Klinke), Masterout, Aux-out, USB, ToneMatch/ PST Wandler 24 Bit/48 kHz Regler 4 x Trim, 4 x Channel-Volume, Master-Volume, Function-Switch, 3 x Softcontrol Taster 4 x Channel Edit, 4 x FX-Mute, 4 x Channel-Mute, Phantom-Power Effekte zEQ, parametr. EQ, Kompressor/
Limiter/Gate, Chorus/Flanger/ Phaser, Delay, Hall Extras ToneMatch-Presets, Tuner, als PC-Audio-Interface verwendbar Maße 20,9 x 16,5 x 68 cm Gewicht 0,97 kg

Bose L1 Model II: Säulenlautsprecher-System mit Digitalmischpult und separaten Subwoofern + Hervorragender Sound, homogener Raumklang + Innovatives Design und Konzept (PA/Monitor in einem) + Großer Abstrahlwinkel bei hoher Rückkoppelungsfestigkeit + Geringes Gewicht und leicht zu transportieren + T1 als Audio-Interface nutzbar – B1-Bass klanglich nicht immer klar konturiert – T1-Halterung etwas wackelig


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